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Die Hölle aus Feuer und Beton – Wie wir im Fort Loncin begraben wurden

(ein fiktiver Brief eines Artilleristen )

16. August 1914. Irgendwo in einem Lazarett bei Lüttich.

Sie sagen, ich lebe noch. Sie sagen, ich sei ein Glückspilz. Aber wenn ich die Augen schließe, bin ich immer noch dort unten, tief im Bauch von Fort Loncin, gefangen in einer Dunkelheit, die nicht von dieser Welt ist. Mein Atem schmeckt nach verbranntem Pulver, Schwefel und dem süßlichen Geruch von zerfetztem Fleisch. Das dumpfe Dröhnen in meinen Ohren will einfach nicht aufhören. Es ist nicht das Geräusch der Gegenwart; es ist das Echo des Untergangs.

​Ich schreibe diese Zeilen nieder, weil die Welt erfahren muss, was vor wenigen Tagen im Westen von Lüttich geschah. Man wird in den Zeitungen von „heldenhaftem Widerstand“ lesen, von General Lemans unerschütterlicher Treue und dem strategischen Erfolg, den unser Ausharren den Franzosen und Briten eingebracht hat. Doch für uns, die Männer der Garnison, war es kein strategisches Schachspiel. Es war die systematische Zertrümmerung von Fleisch und Beton durch Ungeheuer aus Stahl.

​Die Festung, die uns schützen sollte

Als wir Anfang August die Stellungen bezogen, fühlten wir uns sicher. Fort Loncin war ein stolzes Werk. Entworfen vom großen General Henri Brialmont, erbaut aus bestem Beton, ein unbezwingbarer Keil im Festungsring um Lüttich. Zwölf dieser Festungen lagen wie ein Schutzwall vor der deutschen Grenze. Loncin lag im Westen, ein dreieckiger Koloss, tief in die Erde eingegraben, gekrönt von mächtigen Panzerkuppeln, unter denen unsere Geschütze lauerten – 21-Zentimeter-Mörser, 15-Zentimeter-Kanonen, dazu die kleineren Schnellfeuergeschütze zur Nahverteidigung.

​Wir waren rund 550 Mann. Artilleristen, Infanteristen, Techniker. Wir waren jung, die meisten von uns stammten aus den umliegenden Dörfern und Städten Belgiens. Für uns war das Fort keine kahle Kaserne, es war unsere Trutzburg. Der Beton, meterdick über unseren Köpfen, gab uns das Gefühl der Unverwundbarkeit. „Sollen die Deutschen ruhig kommen“, sagten wir beim Abendbrot in den unterirdischen Gängen. „An Brialmonts Beton werden sie sich die Zähne ausbeißen.“

​Wie blind wir waren. Wir wussten nicht, dass sich die Welt der Kriegsführung verändert hatte, noch während wir schliefen. Unsere Festung war gebaut worden, um den schwersten Granaten der Jahrhundertwende standzuhalten – Geschossen vom Kaliber 21 Zentimeter. Niemand von uns ahnte, dass die Krupp-Werke in Essen Monster erschaffen hatten, gegen die unsere Mauern wie Glas zerbrechen würden.

​Als der Himmel zu brennen begann

Die ersten Tage des Augusts vergingen in einem Taumel aus Gerüchten und Alarmbereitschaft. Die Deutschen hatten am 4. August die Grenze überschritten. Sie wollten durch unser kleines Land marschieren, um Frankreich in die Flanke zu fallen. Lüttich stand ihnen im Weg.

​Zuerst versuchte die feindliche Infanterie, die Zwischenräume zwischen den Forts zu durchbrechen. Wir schossen aus allen Rohren. Wenn die Scheinwerfer in der Nacht die Felder vor dem Fort absuchten, sahen wir sie: graue Gestalten, die in dichten Wellen vorrückten. Unsere Maschinengewehre und die 5,7-Zentimeter-Schnellfeuerkanonen in den Grabenstreichen leisteten furchtbare Arbeit. Das Vorfeld verwandelte sich in einen Friedhof. Wir glaubten, wir hätten gesiegt.

​Doch am 12. August änderte sich alles. Die deutsche Infanterie zog sich zurück. Und dann fing das Trommelfeuer an.

Es begann mit einem fernen, grollenden Donnern, das nicht vom Himmel, sondern aus den Wäldern im Osten kam. Sekunden später hörte man ein markerschütterndes Fauchen, wie das Reißen eines riesigen Seidentuchs direkt über unseren Köpfen. Dann der Einschlag.

Wumm.

​Das gesamte Fort erbebte. Der Boden unter unseren Stiefeln schwankte, als stünden wir auf einem Schiff bei schwerer See. In den Gängen erlosch das elektrische Licht. Einen Moment lang war es totenstill, nur das Rieseln von feinem Staub war zu hören, der von der Decke auf unsere Schultern fiel. Dann sprangen die Notlampen an und warfen lange, zitternde Schatten an die grauen Betonwände.

​„Nur ein Streifschuss!“, schrie ein Feldwebel. Doch es war kein Streifschuss. Es war der Beginn des Endes.

​Die Hölle im Inneren des Berges

Ab dem 13. August verlor die Zeit ihre Bedeutung. Es gab keinen Tag und keine Nacht mehr, nur noch den Rhythmus der Einschläge. Die Deutschen hatten ihre schweren Belagerungsgeschütze in Stellung gebracht. Anfangs waren es 21-Zentimeter- und 30,5-Zentimeter-Mörser. Die Einschläge folgten im Abstand von wenigen Minuten.

​Im Inneren des Forts wurde das Leben unerträglich. Die Erschütterungen waren so heftig, dass Männern das Blut aus den Ohren trat. Jedes Mal, wenn eine Granate einschlug, wurde eine Druckwelle durch die Gänge gepresst, die uns die Luft aus den Lungen riss.

​Die hygienischen Zustände brachen innerhalb von 48 Stunden völlig zusammen. Die Belüftungsanlage, die ohnehin schwach war, fiel nach den ersten Treffern aus. Der Qualm unserer eigenen Geschütze, gemischt mit den giftigen Gasen der explodierenden deutschen Granaten, sammelte sich in den unterirdischen Räumen. Wir husteten uns die Seele aus dem Leib. Die Augen brannten wie Feuer.

​Weil die Toilettenanlagen im ungeschützten Kehlbereich lagen und unter ständigem Feuer standen, konnten die Männer nicht mehr dorthin. Viele erleichterten sich in den Gängen, wo sie gerade standen oder lagen. Der Gestank von Fäkalien, Schweiß, Blut und verbranntem Sprengstoff bildete eine dicke, unerträgliche Luftschicht, die uns den Verstand zu rauben drohte.

Am 14. August zog General Leman, der Kommandeur der gesamten Festung Lüttich, mit seinem Stab bei uns ein. Seine vorherige Kommandozentrale in der Stadt war nicht mehr sicher. Seine Anwesenheit gab uns für ein paar Stunden neuen Mut. Wenn der General hier war, so dachten wir, dann stand Belgien noch. Er ging durch die Gänge, bleich, erschöpft, aber mit festem Blick. Er sprach mit den Verwundeten, klopfte uns auf die Schultern. Doch auch er konnte das Unheil nicht aufhalten, das sich vor den Toren des Forts zusammenbraute.

​Unsere eigenen Geschütze schwiegen immer öfter. Die schweren Panzerkuppeln, die stolzen Symbole unserer Verteidigungskraft, wurden nacheinander getroffen. Eine 21-Zentimeter-Kuppel klemmte fest, nachdem eine Granate den Drehmechanismus deformiert hatte. Eine andere wurde von einem Volltreffer regelrecht durchsiebt. Die Betonsegmente über uns begannen zu blättern. Brialmont hatte den Beton in Schichten gießen lassen – nun rächte sich dieser Baufehler. Bei jedem Einschlag lösten sich riesige Brocken aus der Decke und erschugen Männer im Schlaf.

​Das Monster „Dicke Bertha“

Am Morgen des 15. August änderte sich der Ton des Krieges. Einschläge, die wir bisher für das Maximum der Zerstörung gehalten hatten, wirkten plötzlich wie das Klopfen an einer Tür.

​Es war kurz nach Mittag, als das erste Mal ein Geräusch ertönte, das mir das Blut in den Adern gefrieren ließ. Es war kein Fauchen mehr. Es war ein tiefes, kosmisches Grollen, ein Dröhnen, als würde ein ganzer Güterzug durch die Wolken rasen.

​Der Einschlag war apokalyptisch. Das Fort wurde nicht nur erschüttert – es schien metertief in die Erde gedrückt zu werden. Männer wurden meterweit durch die Luft geschleudert. Die Wände bekamen Risse, so breit, dass man eine Hand hineinlegen konnte.

​„42-Zentimeter!“, flüsterte ein junger Leutnant neben mir, dessen Gesicht vor Angst kreideweiß war. Seine Lippen zitterten. „Sie schießen mit den 42ern.“

​Wir hatten von diesen Geheimwaffen gehört. Die „Dicke Bertha“. Ungeheuer, deren Granaten fast eine Tonne wogen. Wenn sie aus großer Höhe herabstürzten, durchschlugen sie Beton wie Butter. Gegen diese Waffe gab es keinen Schutz. Wir waren keine Soldaten mehr, die eine Festung verteidigten. Wir waren Ratten in einer Falle, die darauf warteten, zerquetscht zu werden.

​Die Gänge waren nun voller Verwundeter. Die Lazarettstuben quollen über, die Schreie der Männer vermischten sich mit dem dumpfen Dauergrollen von draußen. Die Luft war so dick und voller Staub, dass die Öllampen kaum noch brannten. Wir saßen in Gruppen am Boden, die Knie an die Brust gezogen, und beteten. Jedes Mal, wenn das furchtbare Grollen am Himmel anschwoll, hielten wir den Atem an. Nicht wir. Bitte, nicht diese Kuppel.

​Gegen 17:00 Uhr erhielten wir den Befehl, uns im zentralen Massiv des Forts zu sammeln. Die giftigen Gase in den äußeren Gängen waren mittlerweile so dicht, dass man dort unweigerlich erstickt wäre. Zudem erwartete die Führung jeden Moment den Sturmangriff der deutschen Infanterie. Wir sollten bereit sein, nach draußen zu stürmen und den Feind im Nahkampf zu empfangen.

​Rund 300 Mann drängten sich in der großen zentralen Halle, direkt über den Munitionskammern. Wir standen Schulter an Schulter. Ich hielt mein Mauser-Gewehr umklammert, meine Finger waren taub. Neben mir stand André, ein Junge aus Namur, kaum achtzehn Jahre alt. Er weinte still, die Tränen zogen saubere Spuren durch den dicken Schmutz auf seinen Wangen. Ich nahm seine Hand. Wir sprachen kein Wort. Es gab nichts mehr zu sagen.

 

 

Die Sekunde, in der die Welt zerbrach

Es war genau 5 Uhr und 25 Minuten am Nachmittag des 15. August 1914.

​Ich hörte das Grollen des herannahenden Geschosses nicht einmal. Oder vielleicht hat mein

Gehirn das Geräusch auch einfach gelöscht. Es gab kein Vorwarnen.

​Eine 42-Zentimeter-Granate der Dicken Bertha durchschlug die meterdicke Betondecke des Forts genau an der schwächsten Stelle. Sie drang tief in das Herz der Festung ein und explodierte direkt in der linken Munitionskammer. Dort lagerten zwölf Tonnen Schießpulver und Tausende von Artilleriegranaten.

​In diesem Bruchteil einer Sekunde hörte die Welt, wie ich sie kannte, auf zu existieren.

​Es war kein Knall, den man mit den Ohren wahrnahm. Es war eine gigantische, alles verzehrende Naturgewalt. Die Explosion von zwölf Tonnen Pulver riss das Fundament von Fort Loncin auseinander. Der ungeheure Druck und die Hitzewelle suchten sich den Weg des geringsten Widerstands – nach oben und durch die Gänge.

​Die Decke des zentralen Massivs, unter der wir 300 Männer standen, wurde durch den immensen Luftdruck wie der Korken einer Champagnerflasche in die Luft gehoben. Ich sah ein gleißendes, weiß-blaues Licht, das so hell war, dass es mich sofort blendete. Es war eine Hitze, die mir in einer Millisekunde die Haare versengte und die Haut im Gesicht verbrannte.

​Ich wurde von einer unsichtbaren Faust rückwärts geschleudert, flog durch die Luft und prallte mit dem Kopf gegen eine Wand. Dann stürzte die Betondecke, die gerade noch in die Höhe gerissen worden war, wieder herab.

​Tausende Tonnen von Beton, Stahl und Erde brachen über uns zusammen. Die mächtige 21-Zentimeter-Panzerkuppel wurde aus ihren Verankerungen gerissen, flog meterhoch in die Luft und landete kopfüber, wie ein weggeworfenes Spielzeug, im rauchenden Krater.

​Dann wurde es dunkel. Und still. Eine Stille, die schlimmer war als jeder Donner.

​Unter den Trümmern

Ich weiß nicht, wie lange ich das Bewusstsein verloren hatte. Als ich zu mir kam, spürte ich zuerst den Schmerz. Mein ganzer Körper brannte, mein linkes Bein war unter einem schweren Betonblock eingeklemmt.

​Ich versuchte zu atmen, aber ich inhaliert nur heißen, dichten Staub. Ich musste würgen, hustete Blut. Ich war begraben. Um mich herum war absolute, vollkommene Schwärze. Kein Lichtstrahl, kein Funke.

Dann setzten die Geräusche wieder ein. Es waren die Geräusche des Sterbens. Überall um mich herum, unter den Trümmern, wimmerten und stöhnten Männer. Einige riefen nach ihren Müttern, andere beteten laut, bis ihre Stimmen im Staub erstickten.

​„André?“, rief ich mit krächzender Stimme. „André, bist du hier?“

​Es gab keine Antwort. Nur ein tiefes, gurgelndes Seufzen ein paar Meter weiter links. Dann verstummte es. André war nicht mehr da. Er war sofort tot, zerquetscht von den Tonnen aus Beton, die jetzt über uns lagen wie ein gigantischer Grabstein.

​Die Minuten vergingen wie Ewigkeiten. Die Luft wurde von Atemzug zu Atemzug knapper. Ich spürte, wie die Panik in mir hochkroch, eine kalte, nackte Angst, die mich anschreien lassen wollte, aber ich hatte keine Kraft. Ich dachte an meine Familie, an mein Zuhause. War dies das Ende? Sollte dies mein Grab sein, hier im Schlamm von Loncin?

​Plötzlich hörte ich Stimmen. Sie klangen fern, wie durch eine dicke Mauer gedämpft. Und sie sprachen nicht Flämisch, nicht Französisch. Es war Deutsch.

​„Hier drüben! Hier stöhnt einer!“, rief eine Stimme.

​Ich hörte das Scharren von Schaufeln, das dumpfe Schlagen von Eisen auf Stein. Ein Lichtstrahl durchschnitt die Dunkelheit, so grell, dass er mir in den Augen wehspurte. Hände griffen nach mir. Grobe, aber vorsichtige Hände. Sie zogen mich unter dem Betonblock hervor.

​Als sie mich an die Oberfläche brachten, traute ich meinen Augen nicht. Das Fort war verschwunden. Wo einst das stolze zentrale Massiv gestanden hatte, klaffte ein riesiger, rauchender Krater, ein Schlund der Vernichtung. Die gewaltigen Geschütztürme waren zerrissen, umgestürzt, in Stücke gehackt. Die Landschaft um das Fort sah aus wie eine Mondlandschaft – kein Baum stand mehr, nur noch zerfurchte Erde und rauchende Trümmer.

​Die deutschen Soldaten, die mich gerettet hatten, sahen mich mit einer Mischung aus Entsetzen und Respekt an. Sie waren selbst bleich von dem, was sie angerichtet hatten. Sie gaben mir Wasser. Ein paar Meter weiter sah ich, wie sie General Leman auf einer Trage wegtrugen. Er war bewusstlos, vom Gas vergiftet und von den Trümmern verletzt, aber er lebte. Er hatte sich nicht ergeben; die Explosion hatte das Fort kampfunfähig gemacht, bevor eine weiße Flagge gehisst werden konnte. Fort Loncin hat niemals kapituliert. Es wurde vernichtet.

 

Eine Festung als Friedhof

Von den 550 Männern unserer Garnison haben fast 350 den Tod gefunden. Die meisten von ihnen liegen immer noch dort unten, tief unter den zerborstenen Betonmassen von Loncin. Sie wurden in jener Sekunde um 17:25 Uhr lebendig begraben, und dort werden sie für immer bleiben. Das Fort ist kein militärisches Bauwerk mehr – es ist ein gigantisches Massengrab, eine nationale Nekropole.

​Ich habe überlebt. Ich bin einer von wenigen. Mein Körper wird heilen, die Verbrennungen werden vernarben, mein Bein wird wieder gehen lernen. Doch meine Seele ist in Fort Loncin geblieben, an jenem heißen Augusttag, als der Beton versagte und die Welt explodierte.

​Wenn dieser Krieg irgendwann vorbei ist – und ich bete zu Gott, dass er bald endet –, dann dürfen wir diesen Ort nicht vergessen. Wir dürfen die Männer nicht vergessen, die unter diesen Trümmern schlafen. Sie starben im Glauben an die Unbezwingbarkeit ihrer Festung, verraten von einer Technologie, die den Menschen überholt hat.

​Möge die Erde ihnen leicht sein. Und möge die Menschheit niemals vergessen, was im August 1914 in der Hölle von Loncin geschah.

 

 

Das Tor zur Hölle: Wie die Belagerung von Lüttich im August 1914 den Ersten Weltkrieg veränderte

​Der August 1914 war in Europa ein Monat von drückender, sommerlicher Hitze – und von einer beispiellosen, hereinbrechenden Katastrophe. Während die europäischen Großmächte nach den Schüssen von Sarajevo im Taumel der Julikrise ihre Armeen mobilisierten, wiegte sich die Bevölkerung des kleinen, neutralen Belgiens noch in relativer Sicherheit. Doch diese Sicherheit war eine Illusion. Im Geheimen basierte der gesamte deutsche Aufmarschplan auf einem eiskalten logistischen Kalkül: dem Schlieffen-Plan. Um Frankreich schnell vernichten zu können, musste die deutsche Armee durch das neutrale Belgien marschieren. Und das größte Hindernis auf diesem Weg war eine Festungsstadt an der Maas: Lüttich.

​Die Belagerung von Lüttich, die vom 5. bis zum 16. August 1914 andauerte, war die allererste Schlacht des Ersten Weltkriegs an der Westfront. Sie wurde zum psychologischen Wendepunkt, zum Schock für das deutsche Kaiserreich und zur Geburtsstunde eines technisierten Vernichtungskrieges, dessen Brutalität die Welt bis dahin noch nicht gesehen hatte.

​Die unbezwingbare Festung: Der Festungsring Lüttich

​Lüttich war im Jahr 1914 nicht einfach nur eine Stadt; sie war eine der am besten gesicherten Positionen Europas. Ende des 19. Jahrhunderts hatte der geniale belgische Militäringenieur Henri Alexis Brialmont die Stadt mit einem dichten Ring aus zwölf hochmodernen Forts umgeben. Diese Forts lagen in einem Radius von etwa sechs bis sieben Kilometern um das Stadtzentrum herum und waren so positioniert, dass sie sich gegenseitig mit Artilleriefeuer decken konnten.

Die Forts waren Meisterwerke der Verteidigungsarchitektur: Sie bestanden zum Teil aus unbewehrtem Beton, waren fast vollständig unter der Erde vergraben und mit schweren Geschützen in versenkbaren Panzerkuppeln ausgestattet. Für das deutsche Heer unter der Führung von General Alexander von Kluck und der speziell formierten „Maas-Armee“ unter Otto von Emmich bedeutete dieser Festungsgürtel ein massives Problem. Der Schlieffen-Plan sah einen strikten Zeitplan vor: Frankreich musste innerhalb weniger Wochen fallen, bevor Russland im Osten vollständig mobilisieren konnte. Jeder Tag Verzögerung in Belgien gefährdete den gesamten deutschen Kriegsplan.

 
Der unerwartete Widerstand: 5. bis 7. August

In der Nacht zum 5. August 1914 überschritten deutsche Truppen die Grenze. Das Ultimatum an Belgien, die Truppen kampflos passieren zu lassen, hatte König Albert I. stolz zurückgewiesen: „Belgien ist eine Nation, kein Territorium.“

Die Deutschen erwarteten einen schnellen Durchmarsch und rechneten mit kaum nennenswertem Widerstand der zahlenmäßig weit unterlegenen belgischen Armee unter dem Festungskommandanten General Gérard Leman. Doch als die deutsche Infanterie in den Zwischenräumen der Forts vorging, geriet sie in ein mörderisches Kreuzfeuer aus Maschinengewehren und Festungsartillerie.

Die Verluste der deutschen Angreifer in den ersten Augusttagen waren katastrophal. Ganze Regimenter wurden im offenen Gelände regelrecht zusammengeschossen. Die Belgier kämpften erbittert und verbissen um jeden Meter Boden. Die deutsche Heeresleitung war schockiert – der Zeitplan wackelte bereits nach 48 Stunden.

In dieser kritischen Phase trat ein Mann auf die Bühne der Weltgeschichte, dessen Name untrennbar mit dem Krieg verbunden bleiben sollte: Erich Ludendorff. Als der Kommandeur der 14. Brigade fiel, übernahm Ludendorff kurzerhand das Kommando, stieß am 7. August durch eine Lücke in den Verteidigungslinien vor und besetzte Handstreich-artig die Zitadelle im Zentrum der Stadt Lüttich. Die Stadt selbst war gefallen – doch die zwölf Forts um sie herum schwiegen noch lange nicht. Sie kontrollierten weiterhin die wichtigen Eisenbahnlinien und blockierten den deutschen Vormarsch.

Die Ankunft der „Dicken Bertha“: Das dicke Ende

Da der klassische Infanterieangriff gescheitert war, griff das deutsche Kaiserreich zu einer psychologischen und technologischen Geheimwaffe, die das Gesicht des Festungskrieges für immer verändern sollte: der schwersten Belagerungsartillerie der Epoche.
Am 12. August trafen die ersten Superschweren Geschütze vor Lüttich ein. Darunter befanden sich die vom Hause Krupp entwickelten 42-cm-Mörser – im Volksmund später als „Dicke Bertha“ bekannt – sowie österreichisch-ungarische 30,5-cm-Schlittenmörser von Skoda. Diese stählernen Monster verschossen Granaten, die fast eine Tonne wogen und mit Verzögerungszündern ausgestattet waren.

Was nun folgte, war ein technologisches Schlachtfest. Die Brialmont-Forts waren für die Kaliber des späten 19. Jahrhunderts gebaut worden, nicht aber für diese modernen, tonnenschweren Sprenggranaten. Ab dem 12. August wurden die Forts systematisch, eines nach dem anderen, unter Feuer genommen.

​Die Wirkung war apokalyptisch. Die Granaten durchschlugen meterdicke Betonschichten und explodierten im Inneren der Gänge. Der Pulverdampf und die Gase erstickten die Verteidiger, das Licht fiel aus, die Erschütterungen trieben die Soldaten in den unterirdischen Festungen in den Wahnsinn. Am 15. August traf eine deutsche 42-cm-Granate das Munitionsdepot des Forts Loncin. Das Fort flog mit einer gewaltigen Explosion in die Luft; Hunderte belgische Soldaten wurden unter den Trümmern lebendig begraben. General Leman wurde bewusstlos aus den rauchenden Ruinen gerettet. Am 16. August kapitulierte mit dem Fort de Hollogne das letzte der zwölf Werke.

​Die historischen Folgen: Ein Pyrrhussieg mit fatalen Konsequenzen

​Die Belagerung von Lüttich dauerte elf Tage. Aus deutscher Sicht war es ein Erfolg: Der Weg nach Frankreich war nun frei. Doch historisch betrachtet war Lüttich ein fataler Fehlschlag mit weitreichenden Konsequenzen für den Ausgang des gesamten Krieges:

  • Der verlorene Zeitplan: Die elf Tage Verzögerung gaben der britischen Expeditionsarmee (BEF) überhaupt erst die Zeit, nach Frankreich überzusetzen und sich gemeinsam mit den Franzosen an der Marne zur Verteidigung aufzustellen. Der Schlieffen-Plan war in Lüttich entscheidend verzögert worden.
  • Der Mythos des belgischen Widerstands: Der unerwartete Mut der kleinen belgischen Armee inspirierte die Alliierten. Lüttich wurde zum Symbol des heroischen Widerstands gegen eine Übermacht.
  • Die Brutalisierung des Krieges: Aus Frust über den unerwarteten Widerstand und aus Angst vor vermeintlichen Heckenschützen (Franc-tireurs) reagierten deutsche Truppen mit unbarmherziger Härte gegen die Zivilbevölkerung. Das Massensterben und die Zerstörung in Städten wie Löwen im weiteren Verlauf des Augusts begründeten den internationalen Ruf der „Schändung Belgiens“ (Rape of Belgium), was die öffentliche Meinung weltweit – insbesondere in den USA – massiv gegen Deutschland aufbrachte.

​Lüttich im August 1914 war das brutale Erwachen aus den romantischen Vorstellungen des 19. Jahrhunderts hin zu den industriellen Materialschlachten der Moderne. Es war das erste Kapitel eines vierjährigen Ringens, das Europa in den Abgrund stürzen sollte.

 

Heute ist das Fort Loncin eine Nekropole, Im Jahr 1928 wird im Hauptwall (der in Kriegszeiten zur Verteidigung der Festungsgräben mit seinen Kanonen dient) eine Krypta eingerichtet. In jeder der vier ehemaligen Kanonenkammern werden zwölf Gräber angelegt. Im Jahr 2007 werden bei Aufräumarbeiten in den Ruinen der Festung 26 weitere Leichen gefunden, die ebenfalls in der Krypta beigesetzt werden. Insgesamt liegen hier 69 Gefallene. 
Die Krypta ist eine äußerst beeindruckende Gedenkstätte, die an sich schon einen Besuch wert ist.

Weiterhin ist ein kleines Museum über die Belagerung Lüttichs und das Fort Loncin dem Gelände angegliedert und bietet Einblicke in die Zeit des Forts. Der Besuch der Festung und des Museums kostet 10,-€

Weitere Informationen findet man hier: https://fortdeloncin.be/

 

Hier findet ihr meine Impressionen vom Besuch:

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